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Haben wir in Deutschland wirklich „eine skandalöse Zunahme der Armut“?

Der aktuelle Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, den dieser am 2. März der Öffentlichkeit präsentierte, stellte „einen Höchststand der Armut in Deutschland von 15,7 Prozent“ fest und erklärte somit mehr als 13 Millionen Menschen in unserem Land als „arm“. Das sind so viele wie Bayern Einwohner hat. Und der Verband setzt noch eins oben drauf: So viele Arme wie jetzt habe es in Deutschland noch nie gegeben! Der Verband berief sich dabei auf Zahlen des statistischen Bundesamtes. Die Behörde selbst nennt die Menschen aber nicht „arm“, sondern „armutsgefährdet“ und spricht von „Armutsrisiko“. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied! Daniel Eckert kommentierte in der WELT vom 3. März: „Vorsicht. Der Armutsbegriff des Reports ist ein schillernder. Gemessen wird nicht blanke Not, nicht Entbehrung und nicht einmal nachweisliches gesellschaftliches „Abgehängtsein“, sondern der Abstand von einem rechnerischen Medianeinkommen: Mit 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommen...

Die „andere“ Armut ist (noch) schmerzlicher

Armutsberichte gibt’s zuhauf. Sie unterscheiden sich allenfalls in Nuancen. Gemeinsam haben sie, dass sie in der Regel „nur“ auf Geld blicken, Wohlstand - oder eben den fehlenden - weit überwiegend daran festmachen, ob und wie viel Geld zur Verfügung steht. Seit 1950 führt das Statistische Bundesamt ziemlich präzise Buch darüber, was wir Deutschen uns leisten, und wie sich Kaufkraft und Inflationsrate entwickeln. Die Statistiker packen hierzu einen „Warenkorb“ mit den zu der jeweiligen „Einkaufszeit“ zeittypischen Gütern und Dienstleistungen. Da der Inhalt dieses „Warenkorbes“ immer wieder aktualisiert wird, sieht man, wie sich Einkommen, Kaufkraft, Lebensverhältnisse und auch unsere Ansprüche kontinuierlich verändert haben. In den 1960er Jahren - immerhin die Jahre des „Wirtschaftswunders“ - waren unter der Rubrik „langlebige Wirtschaftsgüter“ eine Nähmaschine, unter „Sport- und Campingartikeln“ die Luftmatratze und unter „Gemüse“ ausschließlich heimisches aufgeführt worden. Heut...

Der Armutsbericht taugt nicht für eine Gerechtigkeitsdebatte

Der nicht mit allen Ressorts abgestimmte Armutsbericht von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen mag zu vielerlei Diskussionen Anlass geben und für manch heftigen Schlagabtausch taugen, aber für eine Gerechtigkeitsdebatte ist er untauglich. Zunächst einmal ist bezeichnend, dass in den Medien nahezu ausschließlich darüber berichtet wurde, dass „die Reichen reicher geworden sind“, aber fast nirgends der zentrale Satz von Seite 3 des Berichts zu lesen war, der eigentlich die wertvollste Botschaft enthielt: Allen in Deutschland geht es besser. Nun ist es leicht, die Mehrheit der Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen, wenn man den Reichen den Kampf ansagt. Das ist der Kampf gegen eine hierzulande wenig geschätzte Minderheit. Da hält man sich gerne voller Emotionen damit auf, dass diese 10 Prozent der „Reichen“ reicher geworden sind, und unterschlägt dabei genauso gerne, dass diese 10 Prozent mehr als 50 Prozent der Steuerlast tragen. Übrigens: Den Spitzensteuersatz zahlt man in De...