Posts

Die „andere“ Armut ist (noch) schmerzlicher

Armutsberichte gibt’s zuhauf. Sie unterscheiden sich allenfalls in Nuancen. Gemeinsam haben sie, dass sie in der Regel „nur“ auf Geld blicken, Wohlstand - oder eben den fehlenden - weit überwiegend daran festmachen, ob und wie viel Geld zur Verfügung steht. Seit 1950 führt das Statistische Bundesamt ziemlich präzise Buch darüber, was wir Deutschen uns leisten, und wie sich Kaufkraft und Inflationsrate entwickeln. Die Statistiker packen hierzu einen „Warenkorb“ mit den zu der jeweiligen „Einkaufszeit“ zeittypischen Gütern und Dienstleistungen. Da der Inhalt dieses „Warenkorbes“ immer wieder aktualisiert wird, sieht man, wie sich Einkommen, Kaufkraft, Lebensverhältnisse und auch unsere Ansprüche kontinuierlich verändert haben. In den 1960er Jahren - immerhin die Jahre des „Wirtschaftswunders“ - waren unter der Rubrik „langlebige Wirtschaftsgüter“ eine Nähmaschine, unter „Sport- und Campingartikeln“ die Luftmatratze und unter „Gemüse“ ausschließlich heimisches aufgeführt worden. Heut...

200 Jahre Bismarck – der „Reichsgründer“ schuf dauerhafte Reformen bis in die Gegenwart

Otto von Bismarck, der „eiserne Kanzler“, eine „der schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Geschichte“, Vorbild des „spektakulären Außenpolitikers“ Henry Kissinger, „Kriegstreiber“, so Holger Afflerbach, nach Christian Staas „Realpolitiker“, Rudolf Augstein zufolge „ein Politiker mit kaltschnäuziger Größe“ und nach allgemeiner Schulbuchlehre der „Reichsgründer“, wurde am 1. April 1815, als Deutschland „ein Flickenteppich aus Einzelstaaten war“, in Schönhausen als zweiter Sohn des „über große Ländereien und Reichtum verfügenden“ Rittmeisters Karl Wilhelm Ferdinand von Bismarck und dessen aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie stammenden Ehefrau Luise Wilhelmine in ein bedeutendes Adelsgeschlecht hinein geboren. Die unterschiedliche soziale Herkunft seiner Eltern hatte Auswirkungen auf Bismarcks Sozialisation, die Golo Mann grob wie folgt zusammenfasste: „Bildung, Klugheit, Ehrgeiz, Weltläufigkeit, Geschäftsgewandtheit mag man mit dem Milieu der Mutter in Zusammenhang bringen...

Viele - zu viele! - Unzufriedene mit der Demokratie

Ein Forscherteam der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Professor Klaus Schroeder hat in diesen Tagen eine empirische Studie zum Linksextremismus vorgelegt, die von der Bundesregierung im Rahmen des Projektes „Initiative Demokratie stärken“ gefördert wurde. Auf 650 Seiten versuchen die Autoren, prägende „Gesellschafts- und Menschenbilder der linksextremen Szene“ herauszuarbeiten und zu untersuchen, wie hoch die Akzeptanz dieser Einstellungen im Rest der Bevölkerung ist. Dazu sind repräsentativ mehr als 1 360 Bürgerinnen und Bürger befragt worden. Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Studie sind beeindruckend und Besorgnis erregend zugleich; der Reihe nach: Das „linksextremistische Personenpotential“ liegt der Studie zufolge bei stolzen 17 Prozent der Bevölkerung, 14 Prozent im Westen und 28 Prozent im Osten. Diese Gruppe lehnt die wirtschaftliche und politische Ordnung der Bundesrepublik ziemlich deutlich ab. Besonders gravierend: Die Demokratie in Deutschland fin...

Deutschland befindet sich in einem gefährlichen Zufriedenheitsschlaf

Draghi wirft Billionen auf den Markt, die Schweiz überrascht mit der Aufgabe des festgezurrten Wechselkurses zum Euro, Griechenland hat gewählt, Davos ist ebenso vorüber wie das Gipfeltreffen der Weltmarktführer, aber eines blieb und bleibt gleich: Der deutsche Zufriedenheitsschlaf. Dieser ist so tief und fest, dass nichts dazu angetan scheint, die Deutschen aus ihrer (Selbst-) Zufriedenheit und aus ihrem Tiefschlaf aufzurütteln. Fast hat man den Eindruck: Im Gegenteil. Ob dies eine Folge des Ausblendens von offensichtlichen Risiken oder der mittlerweile nahezu schon provozierend zur Schau gestellten Satt- und Trägheit ist, ist egal; nicht egal aber ist, dass dieser Zufriedenheitsschlaf zunehmend gefährlich wird: Vor allem für die Schlafenden. Natürlich stimmen niedrige Energiepreise, historisch niedrige Zinsen, niedriger Euro-Kurs gegenüber dem Dollar und auch die historisch hohe Beschäftigungsquote in Deutschland optimistisch. Hinzu kommen Anerkennung und Lob von außen. Aber...

Industrie 4.0 bietet baden-württembergischer Wirtschaft neue Chancen

„Industrie 4.0“ ist in aller Munde, wird mit vielen Chancen, wie alles Neue aber auch wieder mit Risiken verbunden, bietet aber gerade unserem Land mehr Chancen als anderen Ländern; was aber verbirgt sich hinter dem Begriff „Industrie 4.0“? Da ist zunächst einmal festzustellen, dass es (noch) keine einheitliche Definition von „Industrie 4.0“ gibt. Die sowohl verständlichste als auch am klarsten nachvollziehbare Erklärung lieferte dieser Tage Manfred Wittenstein, der langjährige Chef der Wittenstein AG, die er zu einem Weltmarktführer bei intelligenten mechatronischen Antriebssystemen aufbaute: „Im Kern geht es bei „Industrie 4.0“ um die Verschmelzung von Internettechnologie und Produktionstechnologie“. Damit einher gehen enorme Veränderungen, die eine Menge an Vorteilen mit sich bringen: Werkzeuge und Maschinenteile melden künftig „selbständig“, wann sie gewartet oder ausgetauscht werden müssen. Hinzu kommt die „Rückverfolgbarkeit“ von Produkten im Produktionsprozess. Effizien...

Der Osten holt auf – das Ruhrgebiet fällt zurück: Leipzig spitze, Oberhausen Schlusslicht

Donnerwetter: Was die WirtschaftsWoche und Immobilienscout24 in ihrem diesjährigen gemeinsam erforschten Städteranking als Ergebnis vorstellten, ist überraschend, beeindruckend, ermutigend und alarmierend zugleich: Leipzig liegt weit vorne, Erfurt holt mächtig auf, unter den „schlechtesten Großstädten ist keine mehr aus dem Osten zu finden“, aber „der Niedergang des Ruhrgebiets ist scheinbar nicht mehr aufzuhalten“. Der Reihe nach: Leipzig gehört zu den dynamischsten Großstädten Deutschlands. Erfurt und Dresden landeten ebenfalls in der Spitzengruppe. Leipzig punktet vor allem mit Ansiedlungen von Porsche, BMW und Siemens, sowie den Logistikstandorten von Amazon, Ebay und DHL. Diese attraktiven Arbeitgeber haben junge, gut ausgebildete Menschen angezogen, den Immobilienmarkt attraktiviert, die Infrastruktur spürbar verbessert und in Summe dazu geführt, dass Leipzig als dynamischster Standort in Ostdeutschland auch schon „Hypezig“ genannt wird. Eine tolle Entwicklung für die Stadt,...

Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer bleiben Freiheit und Demokratie herausgefordert

Die ausgesprochen gelungenen und teilweise berechtigterweise ja auch geradezu euphorischen Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls vom zweiten November-Wochenende sind verklungen. Nun hat uns der Alltag hat wieder – und von der Euphorie von „vor kurzem noch“ ist so wenig geblieben wie von der Euphorie des „Aufbruchs in die Freiheit“ vor 25 Jahren, als die Mauer im November 1989 gefallen war. Fast ist man dazu verleitet, zu sagen: Im Gegenteil. Denn es sieht aktuell eher so aus, als ob die uns bekannte und von den Bürgerrechtlern der damaligen DDR erkämpften Werte Freiheit und Demokratie auch für den Osten unseres Vaterlandes insgesamt in die Defensive geraten sind und weltweit an Anziehungskraft verlieren. Richard Herzinger dazu am 9. November 2014 in der WELT: „War damals die Erwartung weit verbreitet, universale Prinzipien wie Menschenrechte und Pluralismus würden sich unaufhaltsam durchsetzen und es könnte eine auf ihnen basierende Weltordnung entstehen, so erle...